Evangelischer Kooperationsraum Südlicher Odenwald

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Langeweile
– ein unterschätzter Gemütszustand
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Jörg Awischus

 

“Denn wenn das Leben, in dem Verlangen, für das unser Wesen und Sein besteht, einen positiven Wert und wirklichen Inhalt in sich hätte, gäbe es sei keine Langeweile; die bloße Existenz würde uns erfüllen und befriedigen. ”
Martin Heidegger

Es gibt Gefühle, die erstrebenswert sind. Man möchte glücklich und zufrieden sein oder einen Grund zum Lachen haben. Lob und Anerkennung erfüllen uns mit Stolz oder Genugtuung. Komplimente heben das Selbstwertgefühl und ein Lächeln schenkt gut Laune. Wir unterscheiden zwischen positiven und negativen Gefühlen. Zorn, Angst oder Wut sind eher negativ belastet und werden gemieden. Trauer und Tränen sind vielleicht unvermeidbar aber sie sind nicht anziehend oder wünschenswert.

In den vergangenen Wochen ist die Sorge in das Leben vieler Menschen eingezogen. Da ist die allgemeine Sorge um die Zukunft des Landes und der Menschen aber auch die konkrete Sorge um die ausbleibenden Einkünfte oder um Angehörige, die einer Risikogruppe angehören. Das Ideal eines sorgenfreien Lebens ist in weite Ferne gerückt. Das Leben hat seine Leichtigkeit verloren und man plant für eine ungewisse Zukunft. Nun geht es darum, den Alltag zu meistern, der unter veränderten Rahmenbedingungen stattfindet. Die vertraute Routine hat sich verabschiedet und ist einer Unsicherheit gewichen. Feste, Versammlungen, Urlaubsfahrten fallen aus und setzen Zeit frei, die neu gestaltet werden muss. Da viele Vorgaben weggefallen sind, etliche Termine und Verpflichtungen nicht mehr bestehen, müssen wir eine Fähigkeit zur Selbstorganisation entwickeln.

Selbstgenügsame Menschen haben es da wesentlich leichter als solche, die ständig etwas unternehmen müssen, um sich lebendig zu fühlen. Familien mit Kindern steht nicht mehr die Entlastung durch Kindergarten und Schule zur Verfügung. Der gemeinsame Alltag, der nun 24 Stundenschichten über sieben Tage hinweg bedeutet, muss neu erfunden werden. Es gibt keine Entlastung mehr und die sonst ersehnte gemeinsame Zeit am Wochenende dehnt sich unendlich in die Länge und wird zur Belastung.

Irgendwann ist alles ausprobiert, alles gelesen, alles gespielt, alles gesehen, alles besprochen. Früher oder später sprechen wir dann auch unser Empfinden aus: „Mir ist langweilig!“ Die Zeit dehnt sich und wird als leer empfunden. Ereignislose Stunden sind unattraktiv und die Zeit einfach untätig verstreichen zu lassen, scheint sinnlos zu sein. Unser Selbstverständnis ist auf Aktivität und Produktivität ausgerichtet. Untätigkeit oder Müßiggang geraten schnell unter den Verdacht der Faulheit. Das biblische Votum vom Brot, das wir im
Schweiß unseres Angesichtes essen sollen, übt eine anhaltende Wirkung aus. Darum gehört auch die Langeweile zu den Gemütszuständen, die es zu vermeiden gilt. Aber das ist in diesen Tagen leichter gesagt als getan. Wir verfallen eher unverschuldet in diesen Zustand der Langeweile, weil die vertrauten und bislang auch bewährten Gegenmittel sich verbraucht haben. Die Attraktivität, für etwas endlich Zeit zu haben, besteht auch darin, dass diese Zeit wiederum begrenzt ist. Durch Dauer und Wiederholung wird vieles selbstverständlich und irgendwann auch langweilig.

Ist Langeweile nun unbedingt zu vermeiden oder ist es ein unterschätzter Gemütszustand, der vielleicht nützlicher ist als er auf dem ersten Blick erscheint?

Dass die Langeweile es so schwer hat, liegt auch daran, dass ihre schöpferische Qualität auf den ersten Blick nicht erkennbar ist. Wir denken gewöhnlich zuerst an die situative Langeweile, wenn wir auf etwas warten müssen oder krank im Bett liegen. Dann gibt es noch die überdrüssige Langeweile, wenn mich
Formen der Arbeit langweilen, weil sie aus inhaltslosen Wiederholungen besteht. Eine bedrohliche Form der Langeweile ist die existentielle. Hier sind eine Leere und Sinnarmut des Lebens gemeint. Sie ist die kleinste Schwester des Todes.

Es gibt aber auch eine positive Form der Langeweile, die schöpferische. Sie wird mit einer gesteigerten Empfindlichkeit verbunden und beschreibt eine Art Windstille der Seele. Es ist ein Stillstand, ein Warten, bevor etwas Neues entsteht, das Brüten vor dem Schlüpfen des Kükens, ein erwartungsvolles Ausharren. Karsamstag gilt gemeinhin als langweilig, weil nichts vordergründig passiert. Rückblickend ist dieser Tag aber das Bindeglied zwischen dem Tod und dem Leben. Vielleicht ist die in diesen Tagen oft
empfundene Langeweile ein schöpferisches Bindeglied zwischen dem Alten und etwas Neuem.

 

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